Der Held: Homers Ruhm und der Mut der Lakota
Was wäre, wenn die tapferste Tat eines Kriegers nicht darin bestünde, seinen Feind zu töten? Was, wenn wahre Kühnheit hieße, sich dem bewaffneten Gegner zu nähern, ihn mit der bloßen Hand zu berühren und heil zurückzukehren?
Für die Lakota, ein Volk der nordamerikanischen Großen Ebenen, war genau das der Kern. Ihre höchste Ehre lag nicht im Töten, sondern im Berühren und Weiterleben.
In denselben Jahrhunderten, am anderen Ende der Ägäis, wählte ein anderer Held das genaue Gegenteil: ein kurzes Leben, den Tod in Kauf nehmend, dafür aber unsterblichen Ruhm.
Die Heldengeschichte einer Kultur verrät, wohin diese Kultur ihren Sinn legt. Dieser Text betrachtet die Welt von Homers Ilias und die Geschichte des Lakota-Kriegers nebeneinander.
Der Mut, zu berühren und heimzukehren
In der Tradition der Lakota war das größte Zeichen des Mutes nicht, den Feind zu töten. Der Krieger näherte sich seinem bewaffneten Gegner, berührte ihn und entkam, ohne verwundet zu werden.
Dieses Ehrensystem kannte in sich eine feine Abstufung. Einem Feind das Pferd zu stehlen, ihm die Waffe zu nehmen, in sein Lager einzudringen und zurückzukehren — jede dieser Taten war ein eigenes Zeichen des Muts. Jede einzelne Berührung wurde mit einer Adlerfeder oder mit eingearbeiteten Zeichen an der Kleidung festgehalten; die vergangenen Leistungen eines Menschen ließen sich also an den Ehrenzeichen ablesen, die sein Gewand trug.
Das Adrenalin, dem Feind nah und in Berührung zu sein, galt als ehrenvoller, als ihn zu töten oder im Kampf mit ihm zu fallen. Das ganze System belohnte nicht den Tod, sondern den Mut. Das Ziel war nicht, den Feind zu vernichten, sondern durch die Furcht hindurchzugehen und heil zurückzukommen.
Mut ist hier nicht die Macht zu vernichten, sondern der Wille, sich selbst dem Risiko auszusetzen. Nicht das Ergebnis zählt, sondern die Berührung. Für einen Geist, der an die Logik der modernen Welt gewöhnt ist — gewinnen, indem man auslöscht —, ist das eine beinahe umgekehrte Gleichung.
Die Unsterblichkeit im geschriebenen Wort suchen
Im neunten Buch der Ilias eröffnen sich Achilleus zwei Wege: ein langes, aber gewöhnliches Leben, oder ein kurzes, dafür unsterblicher Ruhm.
Er wählt das Zweite und stirbt deshalb. Der griechische Name für diesen Ruhm lautet kleos — ein Wort, das das deutsche Nachruhm fast wörtlich trifft: der Klang eines Namens, der den Tod des Menschen überdauert.
Genau das macht in der homerischen Überlieferung den Helden zum Helden: Achilleus hat sich entschieden, nicht sein Leben zu verlängern, sondern das Leben seines Namens. In Homers Ilias wird er des ewigen Ruhms würdig.
Das Sonderbare daran: Achilleus’ Mutter Thetis hatte tatsächlich versucht, ihn unsterblich zu machen, war aber gescheitert. Unsterblich machen ihn also nicht die Götter, sondern die Verse des Dichters Homer.
In der Odyssee, als Odysseus in das Reich der Toten hinabsteigt, begegnet er der Seele des Achilleus. Und dort sagt der große Held etwas Überraschendes: Lieber wolle er auf Erden als Tagelöhner bei einem armen Bauern dienen, als über alle Toten herrschen.
Der Mann also, der sich um seines Ruhmes willen für den Tod entschied, bereut diese Wahl im Tod. So wirft Homer einen feinen Schatten auf sein eigenes Heldenideal — ist der Ruhm, ist kleos wirklich alles wert?
Das ist die Kernfrage der abendländischen Heldengeschichte: Lohnt es sich, für den Erfolg zu sterben?
Diese Vorstellung war der griechischen Welt so tief eingeschrieben, dass sie alles formte. Die olympischen Wettkämpfe, die Dichterwettstreite, die philosophischen Debatten — sie alle nährten sich aus demselben Antrieb: gesehen werden, siegen, erinnert werden. Diesen agonalen Grundzug, dass der Wettstreit selbst die Kultur trug, hat später Nietzsche als das eigentlich Griechische beschrieben. Die wetteifernde Polis hatte das Hervortreten des Einzelnen in eine gesellschaftliche Erwartung verwandelt. Für einen Griechen war das größte Unglück nicht der Tod, sondern spurlos ausgelöscht zu werden; dass der eigene Name nie genannt wird, kam dem gleich, nie gelebt zu haben.
Dennoch lohnt die Erinnerung, dass diese Gleichung keineswegs universell ist. In denselben Jahrhunderten lehrte in China Zhuangzi das genaue Gegenteil: Das Sitzen und Vergessen (zuowang) war eine Tugend, denn je mehr ein Mensch seinen Namen, seinen Rang, ja sich selbst vergaß, desto näher kam er seinem wahren Wesen und dem Tao. Während der Grieche starb, um erinnert zu werden, umarmte der taoistische Weise das Vergessenwerden als eine Befreiung.
Legt man beide Traditionen nebeneinander, drängt sich eine Frage auf: Ist ein Mensch, der bereit ist, für die Erinnerung zu sterben, wirklich frei? Achilleus fürchtet den Tod nicht, wohl aber graut ihm vor dem Vergessen. Der Lakota-Krieger weist diese zweite Furcht von vornherein zurück, denn in seinem Weltbild erinnert die Erde sich ohnehin an ihn. In den sozialen Medien jagen Millionen einer Art modernem kleos nach — sie wetteifern darum, gesehen, gemocht, erinnert zu werden. Achilleus’ Wunsch, sein Name möge in Ewigkeit genannt werden, hallt heute in Follower-Zahlen und im Traum vom Viralwerden wider.
Hier liegt der Ursprung des Unterschieds. Der griechische Held versucht, die Unsterblichkeit allein zu erringen; der Lakota-Held hingegen sucht einen Adrenalinstoß, der Erfahrung und Stolz schenkt.
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