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Ost × West

Sehnsucht: Warum der Osten nach innen und der Westen nach außen blickt

9. Juli 2026·6 Min. Lesezeit

Sehnsucht

Im Jahr 1688 suchte ein junger Medizinstudent in Basel nach einem Namen für eine seltsame Krankheit. Johannes Hofer war aufgefallen, dass Schweizer Söldner auf den Schlachtfeldern an einem eigenartigen Leiden dahinsiechten. Sie bekamen Fieber, sie fanden keinen Schlaf, manche starben tatsächlich daran. Die Ursache war kein Erreger. Die Ursache waren die fernen Berge — die Kuhglocken der eigenen Dörfer und der Duft der eigenen Täler, die diese Männer töteten oder sie in einen Zustand versetzten, der schlimmer war als der Tod.

Hofer prägte für dieses Leiden einen Namen aus zwei griechischen Wörtern: nostos (νόστος — die Heimkehr) und algos (ἄλγος — der Schmerz). So entstand das Wort “Nostalgie”. Es entstand zunächst nicht als Beschreibung eines Gefühls, sondern als medizinische Diagnose.

Das Merkwürdige daran ist Folgendes: Während der Westen dieses Gefühl wie eine Krankheit auf den Seziertisch legte, erhob der Osten dasselbe Gefühl zu einer Art Gottesdienst. Das türkische Wort hasret und das griechischstämmige Nostalgie berühren denselben Punkt — doch sie blicken aus völlig verschiedenen Perspektiven darauf.

Das eine will nach Hause zurückkehren. Das andere fragt sogar, was Heimat überhaupt sei. Erzählen wir davon.


Der aus dem Rohr gerissene Ton

Das Mesnevî des Dichters Rumi beginnt mit einem einzigen Befehl: “Höre.” Dann spricht die Rohrflöte, die Ney. “Höre, wie diese Flöte klagt, wie sie von Trennungen erzählt.”

Die Ney ist ein Schilfrohr. Sie wurde aus dem Röhricht geschnitten, herausgerissen, und kann nie mehr in jene feuchte Erde zurückkehren. Doch dieser Riss bringt sie nicht zum Schweigen — im Gegenteil, er verwandelt sie in ein singendes Wesen. Erst weil ihr Inneres ausgehöhlt wurde, kann sie überhaupt einen Ton hervorbringen. Wäre sie nie herausgerissen worden, so wäre sie stumm geblieben, nichts als ein Halm im Sumpf.

In der türkisch-sufischen Tradition verkörpert die Ney genau diese Sehnsucht. Das Echo der Seele, die von ihrer göttlichen Quelle getrennt wurde, hallt im Menschen wider wie der Klagelaut der Flöte.

Der Mensch ist aus Erde geformt, doch von einem göttlichen Atem belebt. Aus der Spannung zwischen diesen beiden Ursprüngen entsteht eine Sehnsucht, die niemals verstummt.

In Wahrheit sind nicht Sie es, die sich sehnen — es ist der Atem in Ihnen, der sich nach seiner Urquelle zurücksehnt.

Ein kleines Detail macht dies noch deutlicher: Rumi verwendet das Wort “Trennung” nicht im Singular, sondern im Plural. Trennungen. Als wäre der Riss kein einmaliges, abgeschlossenes Ereignis, sondern ein Zustand, der in jedem Augenblick von Neuem durchlebt wird.

Die Ney erinnert sich bei jedem Atemzug daran, dass sie herausgerissen wurde, und sehnt sich bei jedem Ton aufs Neue.

Yunus Emre spricht dasselbe Feuer in schlichteren Worten aus: “Ich wandle brennend, brennend, die Liebe hat mich in Blut getaucht.” Bei Yunus Emre ist die Sehnsucht keine Krankheit. Sie ist der Augenblick, in dem die Seele sich an ihre eigene Wahrheit erinnert. Auch ohne die Metapher der Ney gelangt er zu demselben Kern.

Bemerkenswert ist, dass Yunus dies nicht wie Rumi im höfischen Persisch sagt, sondern im Türkisch des anatolischen Bauern. So steigt die Sehnsucht zum Volk herab und findet Eingang in die Sprache aller. Rumi hingegen, der auf dem Boden der heutigen Türkei zu Rumi wurde, schrieb auf Persisch.

Hier zeigt sich das Wesentliche: Die sufische Tradition versucht nicht, die Sehnsucht zu heilen, sondern sie zu bewahren. Denn wenn die Sehnsucht vergeht, reißt auch die Verbindung. Der Schweizer Söldner, der seine Berge vermisste, wollte geheilt werden. Der Sufi, der die Ney bläst, sucht keine Heilung — er sucht die Rückkehr zum Ursprung.


Die Steine von Ithaka

Die Sehnsucht des antiken Griechenland entspringt einem ganz anderen Boden. Nicht dem Himmel, sondern der Erde.

Odysseus besiegte Troja und gewann den Krieg — doch der Sieg brachte ihm nichts ein. Um in seine Heimat zu gelangen, trieb es ihn noch zehn weitere Jahre über die Meere. Der Zorn der Götter, Ungeheuer, Zauberinnen, Stürme. In Odysseus lebte nur ein einziges Verlangen: seine Heimat Ithaka. Seine Frau, sein Sohn, seine felsige Insel. Homers Odyssee ist im Kern eine Geschichte des nostos, ein Epos der Heimkehr.

Diese Sehnsucht ist greifbar. Sie gilt einem Gesicht, einer Tür, einem Olivenbaum. Odysseus sucht keine abstrakte Quelle, sondern ein Zuhause, das er mit Händen fassen kann. In seiner Vorstellung leben die Steine Ithakas, sein Wasser, sein Duft.

Und hier liegt eine kleine Ironie der Geschichte: Die sehnsuchtsvolle Seele des Odysseus stammt aus dem antiken Griechenland, das Wort “Nostalgie” jedoch nicht. Dieses Wort entsprang erst dreitausend Jahre später der Feder eines Arztes in Basel. Die Griechen lebten das Gefühl, die westliche Medizin gab ihm den Namen. Man könnte sagen: Der Geist des Wortes ist antik, sein Name aber modern.

Und noch etwas: Der nostos war in der griechischen Kultur ein heiliges Verlangen. Der Held, der nicht heimkehren konnte, war der tragischste von allen. Die Reise des Odysseus war keine Strafe, sondern eine Prüfung — und ihr Lohn war der Augenblick, in dem sein Fuß den eigenen Boden berührte.


Warum blickt die eine nach innen, die andere nach außen?

Warum also weisen diese beiden Sehnsüchte in so verschiedene Richtungen? Die Antwort verbirgt sich in Religion und Kosmologie.

Im sufischen Denken ist diese Welt nur eine vergängliche Herberge. Das eigentliche Zuhause liegt nicht hier, sondern in jener Quelle, aus der die Seele kommt und zu der sie zurückkehren wird. Darum wendet sich die Sehnsucht nach innen. Sie zeigt nicht, wohin Sie gehen, sondern woher Sie kommen. Diese Sehnsucht ist kein Kompass, sondern ein Erinnern.

In der antiken griechischen Mythologie hingegen teilen Götter und Menschen dieselbe Welt. Der Olymp liegt auf einem Berggipfel, nicht jenseits des Himmels. Was Odysseus vermisst, ist keine heilige Quelle, sondern ein Ithaka aus konkretem Stein und Boden. Darum wendet sich diese Sehnsucht nach außen — gebunden an eine Landkarte, eine Richtung, ein greifbares Ziel.

Der Osten sagt Ihnen: “Erinnere dich, woher du gekommen bist.” Der Westen sagt: “Finde den Ort, zu dem du gehen wirst.”

Zwei Sehnsüchte, die dieselbe Leere aus zwei verschiedenen Richtungen zu füllen suchen.

Kein Wort hält diese Doppelheit so ruhig zusammen wie das deutsche Sehnsucht: ein Sehnen, das kein festes Ziel nennt, das nach hinten und nach vorne zugleich greift. Wenn Goethes Mignon fragt “Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?”, meint sie eine Heimat, die zugleich verlorene Erinnerung und unerreichbares Ziel ist — und steht damit genau zwischen dem hasret des Ostens und dem nostos des Westens.

Im Übrigen können beide zugleich recht haben. Ein Mensch kann von einem Ort losgerissen sein oder zu einem Ort streben wollen. Vielleicht sind hasret und Nostalgie zwei Augen desselben Gesichts — das eine blickt in die Vergangenheit, das andere in die Zukunft.

Das Ende der Sehnsucht — sei es die Ankunft in Ithaka oder die Rückkehr ins Röhricht — bedeutet zugleich den Tod dessen, was sie am Leben hielt. Und vielleicht liegt der leiseste Mut des Menschen darin, den Weg dennoch fortzusetzen, im vollen Wissen darum.

Wer seine eigene Sehnsucht kennt, weiß auch, wohin er geht.

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